Umdenken erfordert Zeit

Vorbildfunktion allein genügt nicht: Um die Artenvielfalt zu fördern, muss auch die Bevölkerung ihren Teil dazu beitragen. Deshalb setzt die Stadt Tim Schoch als Berater für Naturgärten ein.
20. Apr. 2022
Interview mit Tim Schoch, Naturgartenberater

Herr Schoch, ab diesem Frühjahr sind Sie im Auftrag der Stadt Kreuzlingen als Naturgartenberater engagiert. Was genau muss man sich darunter vorstellen?

Tim Schoch: Wer in Kreuzlingen wohnt, und konkrete Fragen oder einfach allgemeines Interesse daran hat, im Garten etwas für die Natur zu machen, kann sich bei mir für eine Beratung melden. Ich komme vorbei und gemeinsam schauen wir den Garten, den Balkon, die Fassade oder das Dach an. Ich gebe Empfehlungen, Tipps und Tricks was für die Förderung der Biodiversität und für mehr Natur im Garten gemacht werden könnte.

Das Bewusstsein für die ökologischen und biologischen Zusammenhänge wächst. Wirkt sich das Interesse in den Gärten und Anlagen denn auch sichtbar aus oder ist das nur ein momentaner Trend?

Tim Schoch: Ich merke, dass das Bewusstsein für die Natur deutlich gestiegen ist. Immer mehr Menschen möchten ihren eigenen Beitrag zum Schutz und zur Förderung der Biodiversität leisten. Dieses Bewusstsein widerspiegelt sich langsam auch in den Gärten. Thuja und Kirschlorbeerhecken werden durch verschiedene einheimische und ökologisch wertvolle Wildsträucher ersetzt. Im ehemaligen grünen, perfekt gepflegten Rasen, erblühen mehr und mehr Blumen und Kräuter und wilde Ecken werden mit Stein-, Ast- oder Laubhaufen ergänzt. Es braucht aber noch viel Zeit und Engagement von vielen, um ein komplettes Umdenken in allen Köpfen zu erreichen. Damit wilde Ecken als bewusst angelegte und für die Natur wertvolle Strukturen angesehen werden.

Sie arbeiten auch bei Pro Natura Thurgau im Bereich Umweltbildung. Wie sieht es diesbezüglich aus: was fehlt, was läuft gut und wo gibt es Luft nach oben?

Tim Schoch: Das Interesse wächst und immer mehr sind dazu bereit, der Natur ihren nötigen Raum zu lassen. Trotzdem werden wildere Stellen in Gärten sowie entlang von Wiesen und Äckern noch immer als «unsauber» und ungepflegt angesehen. Stattdessen wird einem nachgesagt, man sei doch einfach zu faul, um diese Flächen richtig zu pflegen. Erklärt man aber dieser Person, wieso diese Stellen bewusst so gestaltet wurden und welchen Nutzen sie für die Natur hat, stösst man fast immer auf Verständnis. Es braucht also noch viel Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit, um ein grösseres und nachhaltiges Bewusstsein in der Bevölkerung zu erreichen.

Für die Stadt Kreuzlingen arbeiten Sie nach Aufwand; Sie beraten, informieren, fördern. Haben Sie sich konkrete Ziele gesetzt?

Tim Schoch: Nein, ich habe mir keine konkreten Ziele gesetzt, da ich nicht abschätzen kann, wie gross das Interesse sein wird. Ich möchte die Menschen bei ihrem Vorhaben, mehr für die Natur zu tun, so gut wie möglich unterstützen. Gemeinsam mit der Stadt Kreuzlingen und der Bevölkerung möchte ich die Gärten in Kreuzlingen vielfältiger machen und meinen Teil zu einem lebendigen und lebenswerten Kreuzlingen beitragen.

Hätten Sie auch noch einen Rat für die Stadt Kreuzlingen selbst, für ihre Parks und Plätze?

Tim Schoch: Die Stadt macht bereits vieles, um die Biodiversität im Siedlungsgebiet zu fördern. Wichtig ist, dass bei der Planung und Umsetzung immer auch Rücksicht auf die Natur genommen wird, damit das Bestmögliche für den Ort und die Natur herausgeholt werden kann. Die Stadt nimmt ihre Vorbildfunktion wahr und geht mit gutem Beispiel voran. Nun ist es wichtig, dass die Bevölkerung auch ihren Teil dazu beiträgt. So entsteht ein Mosaik von vielen kleinen, aber vielfältigen und wertvollen Lebensräumen und die Natur lebt auf. Naturnah konzipierte Aussenräume bieten nicht nur wertvollen Lebensraum für einheimische Arten, sondern sind widerstandfähiger bei Hitze und Trockenheit und kühlen durch Verdunstung an heissen Tagen ihre Umgebung ab.

  • Lernen Sie Tim Schoch am Gartentag kennen!

    Tim Schoch ist Biologe und berät mit seinem Ökobüro «natürlich schoch» ab diesem Frühjahr Privatpersonen, Liegenschaftsverwaltungen, Körperschaften und die Stadtverwaltung Kreuzlingen bei der naturnahen Gestaltung und Begrünung ihrer Umgebung, um die Artenvielfalt zu fördern. Die Zusammenarbeit wurde von der Kommission Biodiversität angeregt und ist vorerst auf 100 Stunden begrenzt. Die Beratungen beschränken sich auf das Kreuzlinger Stadtgebiet und sind für die Einwohnerinnen und Einwohner kostenlos. Tim Schoch können Sie am Gartentag vom 30. April persönlich kennenlernen und gleich einen Termin vereinbaren. Sie finden ihn am Stand der Stadt Kreuzlingen "Artenvielfalt zum Anbeissen" gegenüber der TKB.

Naturgärten: Tim Schoch berät die Kreuzlinger Bevölkerung
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